Freitag, 24. Mai 2019

Vermeidbare Tragödien

Aachen, 1968. Viel Zeit habe ich auf dem großen Spielplatz Ecke Brabantstraße - Luisenstraße verbracht. Es gab da einen Rollschuhplatz mit einem Geländer drumherum, auf dem ich oft gesessen habe. Man konnte von dort aus in einen benachbarten Hof schauen. Dort war - ebenfalls ein Spielplatz. Von unserem "erlaubten", öffentlichen, durch einen hohen Zaun mit scharfkantigen Spitzen am oberen Ende getrennt, vielleicht auch mit Stacheldraht, so genau weiß ich das nicht mehr. Hinüberklettern war jedenfalls strengstens verboten.

Dieser andere Spielplatz war nicht für uns, Der war für "die Bekloppten" und für die "Krüppel" - so die Sprechweise auf dem "erlaubten" Spielplatz. von der Straße aus führte ein Torweg dorthin; ein schmales Blechschild zeigte ein Mädchen mit einem Faltenrock; im Rücken die große Hand eines Erwachsenen. "Lebenshilfe" stand darunter. Eine eigenartige Faszination ging für mich von diesem verbotenen Spielplatz und seinen Kindern aus.

Einmal saß ich wieder auf dem Geländer und war damit beschäftigt, hinüber zu schauen und einen Kranz aus lauter Gänseblümchen zu flechten, da sprach mich ein Mädchen an. Eine von den "Bekloppten" - heute würde man wohl sagen, ein Kind mit Down-Syndrom; damals hieß das noch "mongoloid". Sie wollte auch ein paar Blumen - hinter dem Zaun war die Wiese gemäht, da wuchsen keine. Sie bekam welche. Gänseblümchen, Klee, Löwenzahn .... Das war der Anfang. Sie hieß Luise.

Im Laufe der Zeit lernte ich mehr Kinder von der "anderen Seite" kennen. Andi, eigentlich Andreas, hatte keine richtigen Arme, die Hände fingen fast direkt an der Schulter an. Trotzdem konnte er eine Schleife binden oder Blumen flechten - mit den Füßen. Und er konnte erzählen. Von Blumen, Ameisen und Schmetterlingen, Märchen, Geschichten, ausgedachte oder nacherzählte. Jeden Tag mit schönem Wetter saß ich nun unter dem Gebüsch am Zaun und wir redeten. Mittags wartete Andi, bis ich aus der Schule kam. Er ging nicht in die Schule. Bei schlechtem Wetter durften Andi und die anderen nicht raus. Ich schon - das war egal, ich war ja ein Schlüsselkind und niemand achtete tagsüber darauf, ob ich nachmittags nun drinnen oder draußen war.

Nach einer längeren Regenphase war dann der "andere" Spielplatz wieder bevölkert - aber Andi war nicht da. Luise erzählte mir, er sei im Krankenhaus. Einige Tage später berichtete sie, Andi sei jetzt im Himmel. Immer noch habe ich Luises Worte im Kopf: "Hör auf flennen. Geh du auch Himmel." Kurze Zeit danach sind wir umgezogen, in einen anderen Stadtteil, weit weg von dem Spielplatz.

Andi war ein "Contergan-Kind". Die Fehlbildung seiner Arme wurde durch "Contergan", ein Medikament mit dem Wirkstoff Thalidomid verursacht, das seine Mutter während der Schwangerschaft eingenommen hatte. Heute kennt man die schädigende Wirkung - und dennoch werden immer wieder "Contergan-Kinder" geboren. Denn der Wirkstoff wird z. B. als Lepra-Medikament in Südamerika eingesetzt.

Da die Rate der Analphabeten dort  in manchen Bevölkerungsschichten hoch ist, missverstehen viele Frauen das Etikett mit einer durchgestrichenen schwangeren Frau auf der Verpackung als Antibabypille oder "Pille danach". Dadurch gibt es immer wieder in Südamerika schwer fehlgebildeter Kinder - auch heute noch; wenn die Medikamente unkontrolliert weitergegeben werden, wie ich von einer Pharmazie-Studentin erfahren habe.

Was tun? Bei Misereor oder Adveniat gibt es beispielsweise Projekte, die sich Bildung und Alphabetisierung in Südamerika zum Ziel gesetzt haben.


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